Schnelles Tippen auf Tastaturen und Touchscreens gehört heute zum Alltag. Doch das war nicht immer so. Stellen Sie sich mal vor, Sie müssten jeden einzelnen Satz, den Sie in Ihre Computertastatur hacken, vorab komplett zu Ende denken. Stellen Sie sich vor, Sie dürften sich nicht vertippen. Weil jede Betätigung einer Buchstabentaste auf Ihrer Tastatur endgültig ist, jeder Buchstabe sofort auf Papier erscheint.

Journalisten in Montral, 1940

Journalisten in Montral, 1940. Foto: Public Domain via Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:CBC_journalists_in_Montreal.jpg#/media/File:CBC_journalists_in_Montreal.jpg

Fast undenkbar heutzutage, oder? Mich hat gerade ein Blogposting von Jochen Rose, Einkaufsleiter beim Stromproduzenten Energiedienst (das Unternehmen ist einer meiner Kunden), nachdenklich gemacht und zum Bloggen angeregt. Seit 1977 arbeitet er dort. Gut, da war ich – wenn überhaupt – eher noch im Sandkasten tätig. Dennoch: Was er im Energiedienst Blog schreibt, das erinnert mich an meine eigene berufliche Vergangenheit. Nämlich:

„Bestellungen wurden damals noch mit Schreibmaschine geschrieben. Computer füllten ganze Räume und Telefax war auch noch nicht erfunden.“

Als Journalist schrieb ich meine Texte noch auf der Schreibmaschine

Schreibmaschine

Früher wirklich im Einsatz: die Schreibmaschine

Genau! Erinnerungen werden wach. Als ich in den Jahren 1993/1994 langsam in den Journalismus hineinwuchs, schrieb ich meine Texte anfangs noch auf der Schreibmaschine. Beste Freunde waren sogenannte Tipp-Ex-Streifen. Ging mal ein Buchstabe daneben, so konnte man diese Streifen mit weißer Beschichtung zwischen Farbband der Schreibmaschine und Papier legen, mit der Schreibmaschine ein Zeichen zurück springen, dann den Buchstaben erneut drücken. Dann wurde das Schwarz mit dem Weiß aus der Beschichtung des Streifens überdeckt – sozusagen der Fehler übertüncht – und man konnte weiterschreiben. Für Arbeitsdokumente war das okay, bei Briefen eher peinlich. Denn den Fehler konnte man dennoch erkennen, wenn man das so korrigierte Blatt Papier gegen eine helle Lichtquelle hielt.

Das Manuskript landete dann im Briefkasten der Redaktion. Oder ich gab es persönlich ab. Später legte ich mir dann ein Faxgerät zu – und einen Computer. Datenübertragung war damals aber nicht vorgesehen. Und so druckte ich meine Manuskripte auf meinem Neun-Nadel-Drucker aus und faxte sie in die Redaktion.

Nadeldrucker Epson-lx800

Neun-Nadel-Drucker. Foto: Oguenther – Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Epson-lx800.png#/media/File:Epson-lx800.png

Dort leistete die „Erfassung“ dann in Windeseile Fleißarbeit, tippte den Text in das Redaktionssystem der Zeitung ein. Autokorrektur? Nein, Fehlanzeige. Ein aus echten Menschen bestehendes Team, die sogenannte „Korrektur“, las über die Texte und eliminierte Rechtschreibfehler. Positiver Nebenefffekt: War mal etwas nicht plausibel („Wirklich Meier oder hieß der Bürgermeister nicht Müller?“), so fragten die Kollegen aus der Korrektur beim Redakteur nach. Diese Rechtschreibprüfung durch echte Menschen war der heutigen Software-Korrektur daher haushoch überlegen.

Auch das mit den Bildern lief gänzlich anders als heute. In meiner Zeit als Lokalreporter zog ich buchstäblich Tausende Schwarzweiß-Filme durch meine Kamera. Die Negative wurden im verlagseigenen Fotolabor entwickelt. Dann landeten sogenannte Kontaktabzüge auf dem Redakteursschreibtisch. Die Fotos, die man sich als Abzüge näher anschauen wollte, kreuzte man dort mit einem roten Fettstift an.

Typometer, Fettstift und Schraffur

Doch damit nicht genug Handarbeit. Es galt, einen passenden Bildausschnitt festzulegen. Hinein- und Hinauszoomen am Bildschirm? Nein. Man musste sich den Bildausschnitt zunächst einmal selbst im Kopf vorstellen – was könnte passen? Dann maß man mit einem Typometer, das ist eine Art High-Tech-Linieal, den gewünschten Ausschnitt aus, achtete dabei darauf, dass das Seitenverhältnis zwischen Höhe und Breite passte. Schließlich sollte das Foto ja später in die entsprechende Lücke auf der Zeitungsseite passen – ohne abgeschnittene Füße oder Köpfe. Der gewünschte Ausschnitt wurde – wieder mit dem roten Fettstift – auf dem Fotoabzug markiert, der Rest durch Schraffur durchgestrichen. Dann kam ein Laufzettel dran, und das Ganze ging in die Produktion, das war die Abteilung, in der die Zeitungsseiten an Leuchttischen „montiert“ wurden.

Was besser nicht passieren durfte: dass ein Foto unterwegs verloren ging. Denn wenn die Produktioner am Abend unsere Zeitungsseiten für die Druckerei vorbereiteten, dann musste alles wie am Schnürchen laufen. Verzögerungen beim Anwerfen der Druckmaschinen wären teuer geworden. Ich erinnere mich daran, dass ich einmal – kurz nach Verlassen der Redaktion – abends einmal einen Anruf auf meinem Handy bekam (für dessen Besitz man sich damals übrigens noch rechtfertigen musste, Stichworte: „Braucht kein Mensch / Wichtigtuer“). Die Nachricht war alarmierend: „Wir finden das Bild nicht!“ – Ich damals: Sofort zurück in die Redaktion. Wir hatten eine einspaltige Lücke auf der Seite, das Bild war auf die Schnelle nicht mehr zu beschaffen. Stellen Sie sich das mal vor: Gut möglich, dass dieses Foto bei einem Botengang schlicht heruntergefallen war, dann vielleicht von einer Reinigungskraft entsorgt, wer weiß… Nochmals einen neuen Abzug anzufertigen hätte zu lange gedauert. Die Lösung war in diesem Fall pragmatisch: Ist das Bild nicht aufzutreiben, dann nehmen wir halt einen Text. Und so baute ich innerhalb von zehn Minuten einen dreispaltigen Artikel aus dem „Stehsatz“ (so nennen Redakteure ihre eiserne Reserve an Texten und Bildern für schlechte Zeiten) in einen Einspalter um und füllte damit die Lücke.

Recherchieren im Internet? Keine Option

Ganz ehrlich: Ich erinnere mich immer wieder gern an diese Zeit in den Neunzigern, als alles noch etwas analoger war. Als Journalist recherchierte man nicht primär im Internet. Man fragte die Leute persönlich. Das hieß: Amtsleiter auf dem Rathaus anrufen und fragen, ob die neue Radarfalle in der Stadtmitte schon scharf geschaltet ist. Und es hieß eben nicht: Bei Twitter und Facebook nachschauen, ob schon jemand darüber berichtet hat, geblitzt worden zu sein. Und wenn man den Amtsleiter telefonisch nicht erreichte, dann fuhr man durchaus auch mal persönlich beim Rathaus vorbei. Um zu schauen, wo er sich gerade herumtreibt. Heutzutage undenkbar, oder?

Wenn Leitmedien Twitter wiederkäuen

Natürlich hatte das auch Nachteile. Natürlich hat das Internet auch Vorteile. Auch für die Recherche durch Journalisten. Aber ganz ehrlich: Wenn ich heutzutage anlässlich großer Ereignisse unsere großen Leitmedien lese, dann wird mir manchmal ganz anders. Da besteht dann ab und zu die Hälfte des Beitrags nicht primär aus Neuigkeitswert oder Analyse. Sondern man schreibt darüber, welche lustigen oder hämischen Kommentare zu einem tagesaktuellen Thema bei Twitter und Facebook abgegeben wurden. Da bin ich dann manchmal ganz froh darüber, heutzutage nicht mehr im Journalismus zu arbeiten. Ist doch frustrierend, wenn man nur abschreibt, was irgendwelche Leute über ihr Twitter-Konto herausgehauen haben.

Die Freiheit, offline zu gehen

Smartphone

Auch für mich ist das Smartphone heute Dreh- und Angelpunkt der täglichen Lebensorganisation

Ich erzählte diese Geschichte – und hier ist sie auch schon zu Ende – heute ganz spontan, angeregt von oben erwähntem Kurzinterview mit Energiedienst-Einkaufsleiter Jochen Rose, weil ich es für mich persönlich ganz toll finde, a) dieses analoge Zeitalter noch erlebt zu haben und b) heute alle technischen Internet-Entwicklungen ganz genau zu verfolgen und viele abgefahrene Tools zu benutzen, von deren Existenz Bekannte und Freunde teilweise gar nichts wissen. Mein Smartphone schlägt mir aktiv vor, welche Orte in der aktuell besuchten Stadt mit gefallen könnten. Es erinnert mich automatisch, wenn auf der geplanten Strecke zum nächsten Termin Stau ist. Ich sage ihm – per Stimme: „Erinnere mich morgen Abend an: Altpapier herunterbringen“, und: Läuft. Das Smartphone, der Computer (Windows oder Mac? Raten Sie mal!) und das Internet ist längst die zentrale Schaltstelle für viele alltägliche Lebensaufgaben geworden – und auch für’s Unterhaltungsprogramm. Dennoch freue ich mich über die Erinnerung an Zeiten, in denen es das alles noch nicht gab – und auch darüber, dass ich jederzeit die Freiheit habe, offline zu gehen und einmal in keinen Bildschirm zu schauen.